Textproben

Erschienen online im Sludge Worm Magazin (seit 2015)

Kleinerfünfhundert – Kolumne (ab April 2016, zweiwöchentlich)

Erschienen im Sludge Worm Stories (seit #2, 2015)

Sludge Worm Stories #2: Judd Madden (gescannt, VÖ: 17.12.2015)

Erschienen im Black Cloud Magazin (2014 – 2015)

Hierophant – Peste (10.02.2015)

Als die Pest zwischen 1347 und 1353 in Italien wütete, schrieb Giovanni Boccaccio in seinem bekannten Decameron: So konnte, wer – zumal am Morgen – durch die Stadt gegangen wäre, unzählige Leichen liegen sehen. Dann ließen sie Bahren kommen oder legten, wenn es an diesen fehlte, ihre Toten auf ein bloßes Brett. Und so hört sich die aktuelle Platte der italienischen Metalextremisten Hierophant an: das Album Peste ist eine faulige Leiche auf einem harten Brett.
Nun nicht so verstehen, als ob die Energie der Band abgenommen hätte, vor sich hin faulen würde:
die Energie hat sich gesteigert, blanke thanatische Kraft wird hier verschossen, die Rückführung Lebens in den anorganischen Zustand wird zelebriert. ‘Peste’ represents our point of view on what society is now. (siehe: http://blowthescene.com/interviews/hierophant- interview.html) Und wie wir alle wissen, ist die heutige Gesellschaft nicht unbedingt das Wahre. Songtitel wie Alienatione (Entfremdung), Egoismo (Egoismus) oder Sottomissione (Unterjochung) geben trotz unveröffentlichter Texte Rückschlüsse auf die dystopische Perspektive in Peste.
Musikalisch ist jeder der recht knappen 10 Songs ein Wirbelsturm, ein Malstrom der gesellschaftlichen Scheiße – gerade, wenn man sich auch nur grob die aktuelle italienische Gesellschaft ansieht, in der Nachkommen und Sympathisanten Mussolinis immer noch nicht nur salonfähig sind, ihnen sogar der Salon gehört. Die Wut in Peste ist auf jeden Fall in jeder Note und jedem Ton des Ganzen zu hören, die Wut kriecht durch die Ohren ins Hirn und macht sich dort breit.
Der letzte Song lässt nochmal gewaltig Raum für Interpretationen. Inferno ist grob aus neun Parts aufgebaut. Unzweifelhaft können hier Parallelen zu Dantes Commedia gezogen werden. Hierophant stampfen hier – einstimmig, ohne Vergil – durch die neun Kreise des Danteinfernos. Im letzten Kreis, in dem Luzifer haust, fadet der Song aus, die infinite Tatsächlichkeit der Strafe, der Schuld wird durch eine ewige Rückkopplung materiell. Es gibt keinen Himmel auf dem Album, also keine Erlösung, keine Möglichkeit der Änderung, nicht einmal durch das Purgatorio, das reinigende Fegefeuer. Schuld verdammt. Peste ist ein geniales Album.

Walk Through Fire – Hope Is Misery (16.08.2014)

Ganz langsam durch das Feuer gehen.
Barfuß. Auf Scherben. Gefesselt. Gepeitscht. So klingt die in Ton gebrachte Marter der vier Schweden aus Hisingen. Das nach eigenen Aussagen „langsamste und erdrückendste“ Werk „Hope Is Misery“, erschienen im März 2014, ist eine 80-minütige Tortur und behandelt tiefste Verzweiflung und Kummer. Textlich werden alle Symptome der bekannten psychologischen Diagnosekataloge erfüllt. Vom unmenschlichen Kummer über die verzweifelte Schuld und Scham zum Todeswunsch wird hier – sprachlich leider etwas zu simpel – alles verarbeitet was den Sänger, Gitarristen und Texter Ufuk peinigt und quält.
Großartig ist die Atmosphäre des Ganzen gelungen. Obwohl hier extreme Musik serviert wird, bietet das Artwork eine ästhetische Abwechslung zu all dem Metal-Subkultur-Kitsch, dem auch immer noch moderne Bands anheimfallen. Die Vorlagen für das Artwork stammen von Cihat Aral, einem türkischen Künstler, und passen zum Klang der Band wie die Faust in die Fresse. Gefesselte, gebückte Gestalten, schemenhaft, neben ihren dunkel gekleideten Peinigern, nackt, eine Szene wie in Pasolinis Saló.
Walk Through Fire ist ein Abstieg zu den neun Kreisen der Seele, als ob Dante mit Freud statt Vergil hinabsteigen würde, um die unterschiedlichsten inneren Abgründe zu untersuchen. Ohne dass es einen Weg hinaus geben würde. Wie bereits erwähnt, erreicht der Sound – jedenfalls gefühlt – nie dreistellige Bpm-Zahlen. Dass sich hier alles 80 Minuten lang mit einer Wucht durchdrücken kann, ohne dass irgendetwas verloren geht, seicht, langweilig oder öde wird trotz der Songlängen und der gesamten Monotonie ist tatsächlich nur der großartigen Komposition und den beiden fachkundigen Aufnahmeleitern beziehungsweise Mixern zu verdanken.
Dass das Album schwere Kost ist – oder eigentlich wirklich unverdaulich – beeinträchtigt nicht den Respekt den man vor dieser Band bekommt, nachdem man HOPE IS MISERY wenigstens zur Hälfte gehört hat. Wem WALK THROUGH FIRE dann doch zu schwer ist, der sollte am besten einfach nur ein frohes Liedchen summen, in der Ecke sitzen und auf den kathartischen Moment dieser geballten Ladung Seelenschmand verzichten.
„Interessen der Band: Making music that hurts“.

Svffer – Lies We Live (16.04.2014)

Eines meiner Reviews aus dem BCM findet als Produktbeschreibung hier.